Der Autor

Peter Berglar

Historiker auf der Suche

nach Wahrheit

Biografie

Gewissen als Geschichtsmacht

Von Jürgen Liminski

Er war Arzt und liebte es, Geschichte zu sezieren. Spät hatte er erkannt, nach vielen Jahren Diagnose und Therapie, daß sein eigentlicher Patient nicht der einzelne Mensch, sondern die Menschheit war. Daß seine Medizin nicht ein chemisches Produkt, sondern die lebendige Sprache, der „Geistleib des Menschen“ (Wilhelm von Humboldt) sein sollte und daß er mit diesem Skalpell das Schicksal selbst entblössen und erklären könnte. Peter Berglar war ein wortschöpfender Stilist beim Sezieren seiner Gestalten, ein bildreicher Erzähler, wenn er die Schnitte wieder vernähte und ein Fazit aus dem Leben der Figuren zog. Mit 46 Jahren studiert er, nach zwanzig Jahren Arztpraxis, Geschichte, promoviert und lehrt nach der Habilitation an der Uni Köln. Das Motiv seiner Arbeit blieb immer das gleiche: Er suchte die Wahrheit hinter den Gesichtern. Deshalb konnte es auch nicht anders sein, als daß der Arzt die Geschwüre der Geschichte in Personen diagnostizierte, daß er in seinen zahlreichen Biographien das große Thema von Macht und Wahrheit entrollte, daß er die Verquickung von Geist und Geschichte, von Blut und Leben, von Tod und Heil offenlegte. Er verabscheute die „Pilatisten“ (so nannte er jene, die der Wahrheit feige aus dem Wege gehen), suchte aber dennoch nüchtern ihre Beweggründe zu erkunden. So erschloss er dem Leser Einblicke in die Seele der Geschichte, die weit über Rankes Diskursgebot (schreiben, was gewesen ist) hinausgingen. Peter Berglar war Erzähler, Interpret und Therapeut historischer Gestalten in einem.

Für diese umfassende Art, Geschichte zu erleben, steht wie kaum ein anderes Werk „Die Stunde des Thomas Morus – einer gegen die Macht“. In Figur und Leben des Lordkanzlers verkörperte sich, was Berglar an anderer Stelle „das Gewissen als Geschichtsmacht“ nannte. Ein Gewissen, das in das Dilemma führt zwischen Freiheit und Zwang, „weil ihr Träger, der Mensch, erwählt ist zur Freiheit und unterworfen dem Gesetz. Willensfreiheit – Schicksalsbestimmung. Die uralte, unaufhebbare Antinomie. Sie ist und bleibt unauflösbar, muß einfach hingenommen werden….  Denn jeder Tag des persönlichen Lebens und jeder Blick auf die Geschichte erweist das unenträtselbare Ineinander von Freiheitsfähigkeit und Gesetzesverhaftetheit des Menschen. Dieses Ineinander ist der Schlüssel zum Verständnis der Welt“ und zur Geschichte selbst. In dieser „Licht-Dämmer-Zone zwischen Freiheit und Schicksal hat das Gewissen seinen Ort“. Wenn man dieses „humanum speciale“ vergesse, könne man Geschichte weder erforschen noch schreiben noch verstehen. Thomas Morus, „der seinem Gewissen getreu („gehorsam dem König, zuerst aber Gott“) das Schafott besteigt“, steht für Berglar in einer langen Reihe vieler „glänzender Gewissenszeugen bis hin zu den Männern des 20. Juli 1944“. Denn Geschichte „ist der Spielraum der Freiheit im Notwendigen, der Wirkraum des Notwendigen in der Freiheit. Das Menschenherz ist (als Entscheidungsmitte menschlichen Handelns) ihr Schauplatz“. In diesem Sinn sei das Gewissen „nicht der beruhigende Garant unserer Berufung zum Guten, sondern nur der furchterregende Garant unseres Verbleibs im Menschlichen“.

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Mensch und Geschichte brauchen beides, Recht und Gewissen. Das Gewissen gibt dem Menschen innere Ordnung oder wenigstens Orientierung, das Recht der Gesellschaft Struktur. Das verbindende Element ist die Wahrheit. In diesem Sinn waren Berglar und seine historischen Begleiter, die Subjekte seiner Biographien von Humboldt bis Metternich, von Claudius bis Maria Theresia, von Rathenau bis Adenauer, von Morus bis Escrivá allesamt Zeitgenossen der Wahrheit. Ihre Leben exemplifizieren ihre Zeit und das Ewige im Menschen, das Handeln und Erdulden in historischen Umbrüchen, und immer wieder taucht die Frage nach der Freiheit auf, für den einzelnen und für die Gesellschaft. Seine journalistische Ader, die ihm väterlicherseits in die Wiege gelegt war, ließ ihn bei solch grundsätzlichen Gedanken zum Propheten werden. Im Vorwort zur ersten Auflage des Morus schreibt er Ende der siebziger Jahre: „Noch ist in der westlichen Welt unser Freiraum unvergleichlich größer als der Mores. Wir sind nicht auf das bloße Nicht-Zustimmen zu Unrecht oder, allgemein, zu dem, was unseren Überzeugungen entgegenläuft, angewiesen, sondern wir können unsere Standpunkte aktiv vertreten und brauchen – noch – keinen Konsens zu heucheln, der nicht vorhanden ist. Wir wissen aber, dass das nicht überall auf der Welt so ist. Und auch um uns, in den freien und offenen Gesellschaften, wächst die Tendenz zur Uniformität der artikulierten Meinungen: möge jeder »glauben«, was er will – sagen soll er, was gefällt. Die Zwänge, welche die Konformität der Äußerungen und der sichtbaren Verhaltensweisen ohne Rücksicht auf innere Überzeugungen und persönliche Wahrhaftigkeit herbeiführen sollen, nehmen ohne Zweifel weltweit zu, und sie sind keineswegs nur physisch-machtmäßiger Art.

Damit aber gewinnt die »Stunde des Thomas Morus« für uns den Rang von Beispiel und Programm. Macht, die die Totalunterwerfung will, wird niemals fehlen. Wir, die wir ein Halbjahrtausend nach dem tapferen Engländer leben, können uns mühelos vorstellen, ja mehr, wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass sehr wohl wieder einmal eine Stunde kommen kann, da uns nicht nur verwehrt wird, für unsere Anschauungen aktiv einzutreten, sondern da auch das schweigende Festhalten an ihnen nicht erlaubt ist. Mehr noch: Es könnte geschehen, dass wir gezwungen werden, ihnen entgegen zu reden und zu handeln“.

In einem Brief an den Autor, keine zehn Jahre später und drei Jahre vor seinem Tod (1989), spürte er bereits die ersten Schatten der Einengung der Meinungsfreiheit. Es ging um Desinformation, die Zwillingsschwester der Lüge. „Desinformation erstreckt sich nicht nur auf sogenannte aktuelle Politik, sondern hat den Ehrgeiz, den Empfänger total zu entwurzeln, indem ihm seine Vergangenheit, seine Traditionen, sein Erbe, seine Vorfahren genommen oder madig gemacht oder selektiert werden“. Und voller Sarkasmus fährt er fort: „Die Leyenda negra der spanischen Kolonisation in Amerika, Kapitalismus, Imperialismus, Kolonialismus, Inquisition, Aufklärung – lauter gewaltige Desinformationsblöcke. Aber auch der kernige deutsche Gottesstreiter Luther und der nach verkohltem Ketzerfleisch riechende Wüterich Philipp II., der edle Schwedenkönig Gustav Adolf und der habsburgische Obskurant Ferdinand II. sind Desinformationspuppen. Und damit nicht genug: Rückwirkend gehen ganze Geistesprovinzen landunter, weil sie nicht mehr genannt, erforscht, zitiert, sondern zur Ungeschichte totgeschwiegen werden“.

Geschichte mag tragisch sein, zumal in Gestalten wie Thomas Morus. Aber Berglar sieht nicht, der Neigung vieler Kollegen folgend, nur schwarz in der Geschichte, gerade der Deutschen. Selbst deutsche Geschichte hat auch ihre lichten Momente, beispielhaft für ganz Europa. So sieht Berglar im Westfälischen Frieden (1648) „erstmals in der europäischen Geschichte das Prinzip der Religionsfreiheit verfassungsrechtlich – denn dem Westfälischen Frieden eignet durchaus Verfassungscharakter – sanktioniert, dies 41 Jahre vor der Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich, 128 Jahre vor der Erklärung der Menschenrechte und 181 Jahre vor der Wiederzulassung des katholischen Bekenntnisses in England“. Und er folgert: „Man darf ohne Übertreibung sagen, daß die Toleranzidee ihre historisch-politische Kraft und ihre staats-, gesellschafts- und kirchenformende Praktizierung zuerst in Deutschland gewonnen hat. Auf diesen Ruhmestitel sollten wir Deutsche in aller Bescheidenheit hinweisen.“ Toleranz als Voraussetzung der Freiheit, mithin der Demokratie. Thomas Morus war ein Wegbereiter dieser Idee, weil er als Gewissenszeuge für die Religionsfreiheit in den Tod ging.

Die Religions- und Gewissensfreiheit ist die Mutter aller Menschenrechte. Aus ihr resultiert die Meinungs-und Pressefreiheit, wie gut hundert Jahre nach Morus‘ Tod sein Landsmann John Milton mit diesen Worten forderte: „Man darf die Geister nicht einsperren. Es ist Zeit, frei zu sprechen und zu schreiben über alle öffentlichen Dinge. Siegen wird ohnehin nur die Wahrheit.“ Von diesem Sieg war Berglar überzeugt, jedenfalls am Ende der Geschichte. Wichtiger aber war für ihn der Sieg der Liebe, und das schon zu Lebzeiten. Kurz vor seinem Tod, gezeichnet von der unheilbaren Krankheit, sagte er dem Autor: „Im Krieg habe ich als Arzt viele Leute sterben sehen. Der Tod gehört zum Leben. Aber eine Frage treibt mich noch um: Habe ich genug geliebt?“ Es ist die Frage des Augustinus, eine Frage, die sich auch Morus am Ende gestellt haben dürfte und die in Seelenverwandtschaft mit der Wahrheitsfrage steht. Und wahrscheinlich steckt in ihr auch die Antwort auf das Dilemma zwischen Freiheit und Schicksal.

Impressionen

Peter Berglar – Sein Leben in Bildern

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